ANGEKOMMEN IN CRAZY TOWN

20.09.19

La Paz, das bedeutet übersetzt einfach „Der Friede“ – die Stadt wurde von den Spaniern gegründet und so benannt in der Absicht mit den Ureinwohnern den Spagat zu schaffen hier in Frieden gemeinsam leben zu können.

Die Stadt liegt zwischen 3600 und 4000 Metern in einem Tal, das wie eine Schüssel von Hängen umgeben ist und das mit der Zeit von vielfältigen Gebäuden geradezu überwuchert wurde..

Und Sie interessiert uns eigentlich überhaupt nicht! Wieder eine Stadt? Was sollen wir dort bloß machen. Santiago war schön und gut aber eigentlich sind wir eher heiß auf Natur und Abenteuer. Außerdem haben wir schon öfters gelesen, das La Paz regelrecht ein Schmelztiegel sein soll – Bolivien pur und dabei ist unser erster Gedanke, dass wir alle unsere Wertsachen so nah am Körper haben wollen, dass es schon unangenehm wird. Wir stellen uns vor, wie wir mit unseren überdimensionierten Backpackern am Busbahnhof ankommen und diese quasi direkt dem ersten Ganoven übergeben können, von dem wir ausgeraubt werden.

Zugegeben, im Nachhinein ist diese Vorstellung wohl etwas übertrieben, aber nach vielen Gesprächen mit anderen Gleichgesinnten können wir zumindest behaupten, dass wir nicht die Einzigen sind die diese Befürchtungen hatten und wer weiß, vielleicht waren sie ja schlussendlich gar nicht SO unbegründet.

Jedenfalls können wir nach unserem La Paz aufenthalt sagen:

  • Wir wurden nicht ausgeraubt und
  • Zum Glück haben wir die Stadt nicht einfach übersprungen

denn nach ca 6 Tagen hat sich die Stadt einen festen Platz in unserem Herzen verdient und wir werden das ein oder andere Erlebnis mit Sicherheit nie vergessen.

Aber first things first:

Unser letzter Stop war ja bekanntlich Uyuni, welchen wir mit einem Nachtbus Richtung La Paz verlassen haben. Für La Paz wussten wir zumindest folgendes: Wir wollen ein eigenes Badezimmer, Wlan und wir brauchen Warmwasser und eine Heizung – genug gefroren! Nach dem Motto „I am too old for this shit“ gönnen wir uns den gesamten Luxus und ziehen in der Nähe des Zentrums in das Hotel „Cruz de los Andes“. Irgendwie ist in Bolivien Alles „de los Andes“ und man muss genau schauen um die Sachen auseinanderhalten zu können.

Für 7 Euro pro Nacht und Nase haben wir hier wohl den Jackpot geknackt und bekommen sogar das Interkontinental Frühstück im Preis inklusive. Nur mit dem Internet haben es die Bolivianer nicht so. Um genau zu sein finden wir während unserem gesamten Bolivien Aufenthalt nicht einen Ort an dem wir unsere Internet-lastigen Foto und Blog workflows abarbeiten können.

Das heisst für uns: Weniger Elektronik und mehr Aktion – voll OK!

Anfangs etwas übervorsichtig beschliessen wir die Stadt systematisch zu erkunden und treffen die super Entscheidung abermals eine Walking-Tour zu unternehmen.

„The Walking Camel“ wird die Agentur unseres Vertrauens und wir brechen bereits am ersten Tag mit unserem Guide Pablo auf, der zu unserer Enttäuschung nicht wie erhofft in einem Kamel Kostüm erscheint. Naja, wird auch so gehen.

Und wie es geht! Pablo ist geschätzt 24 Jahre alt, hat Tourismus studiert und spricht besser Englisch als wir. Zudem kennt er die Stadt wie seine Westentasche und die kommenden Stunden überfluten uns mit Eindrücken und Informationen.

Wir starten im Stadtzentrum und Pablo macht uns gleich mal mit dem Ort vertraut, der sich als unser absoluter Lieblingsplatz unserer bisherigen Weltreise herausstellen soll: 

Ein hässlicher Gebäudekomplex, der von außen aussieht wie ein großes uraltes Parkhaus. Im inneren jedoch eröffnet sich unser Schatz vo La Paz. Das Parkhaus ist ein Einkaufszentrum, das dicht gespickt mit geschätzt 1000 kleinen Ständen ist, von denen die Mehrzahl winzige Restaurants sind, in denen die Großmütter von La Paz unterschiedlichste Hausmannskost verkaufen. 

Hier bekommt man Alles was es auf boliviens Speisekarten zu finden gibt und das in einer Menge und Qualität dessen Preis-Leistungsverhältnis vermutlich weltweit unschlagbar ist! Wir bestellen ein Menü des Tages bestehend aus einem riesigen Suppentopf, vollgestopft mit Gemüse und Nudeln, und einem großen, gehäuften  Teller mit Reis, Kartoffeln, Llamafleisch und Gemüse. Es schmeckt wie bei Oma und wir schaffen es fast nicht aufzuessen. Die Rechnung: umgerechnet 1,30 €. Wir sind sprachlos. Uns ist sofort klar, das wir nie wieder so gut so günstig essen werden und dass wir hier noch so oft wie irgendwie möglich speisen müssen. Pablo setzt noch einen drauf und bringt uns zu seiner „Casera“ seines Vertrauens.

Casera nennen die Einheimischen jene Köchinnen, bei der sie Stammgast sind. Die Kunden entwickeln eine persönliche Beziehung zu den Köchinnen, welche mehr oder weniger die Zusatzfunktion eines Psychotherapeuten / „Freundin“ ausüben und so ist man seiner Casera treu. Als Gegenleistung für seine Treue heißt es hier oft „Yapa!“ – übersetzen kann man dies wohl am ehesten mit „Ein bisschen mehr bitte“ und die Casera füllt den Teller nochmal und das gratis.

Wir bestellen uns lächerlich günstige und frische Frucht-smoothies und Vici nimmt ihren to-go in einem Plastiksackerl mit um die Stadterkundung fortzusetzen.

Wir stellen schnell fest, das die Gebäude La Paz‘ ziemlich hässlich sind. Kaum ein Haus ist fertiggestellt und es fehlen Fenster und Farbe. Pablo erklärt uns das die Ursache dafür in der Steuererhebung der Stadt liegt. Solange mindestens ein Fenster und die Farbe fehlen zahlt der Bauherr so gut wie keine Steuern.

Wir schlendern durch die Stadt in Richtung des berühmten Hexenmarkts.

Seit der Gründung der Stadt durch die Spanier schaffen die Einheimischen den Spagat zwischen der katholischen Religion und den ursprünglichen Ritualen zugunsten der „Pachamama“ – der geheiligten Mutter Erde, welcher regelmäßig Opfergaben dargebracht werden, um ihre Gunst in unterschiedlichsten Angelegenheiten zu sichern. Und Pachamama lässt sich nicht lumpen: Sie mag Zucker, Alkohol und Zigaretten und selbstverständlich Tierbabys und -Embryos. Und so spazieren wir vorbei an den zahlreichen Shops, in denen man neben den Souvenirs made in China auch diverse Zutaten für Zaubersprüche aller Art kaufen kann und von deren Decke dutzende getrocknete Llamababys und -embryos baumeln. Just La Paz‘ things.. Fotografieren dürfen wir die Cholitas, die die Shops betreuen übrigens nicht. Sie sind sehr abergläubisch und der Überzeugung, dass Fotos ein Stück der Seele einfangen.

Ach ja der Begriff „Cholita“ will auch erklärt werden: Ihr kennt sie bestimmt, die Fotos der älteren, kleinen, rundlichen Damen mit ihren langen, dunklen Zöpfen und dem Melonen-Hut auf dem Kopf, welche nicht nur von hinten alle sehr ähnlich aussehen („it‘s not racist if it‘s true“? Sowas dummes würden wir nie sagen!!). Sie sind überall in Bolivien anzutreffen und während ihre Männer nicht zu sehen sind betreiben sie ihre unzähligen Ständchen und verkaufen von frühmorgens bis spätabends alles was man sich nur vorstellen kann.

Die bunten Bommeln in den Haaren und die Farben ihrer Kleidung haben den Ursprung in der spanischen Kolonialzeit. Sie wurden Ihnen von den Spaniern zugeteilt um sie den Großgrundbesitzern zuteilen zu können. Und die lustigen Hüte? Angeblich ein genialer Coup eines italienischen Designers, welcher sich absolut durchgesetzt hat. Cholitas sind jedenfalls fleissig und stolz auf ihre tüchtige Arbeit und sie tragen die Tracht auch als Zeichen der Emanzipation – sie sind stark und stehen den Männern MINDESTENS in nichts nach – Hut ab, äääh auf!

Wir laufen vorbei, an am Hals aufgehängten Strohmännern und uns wird erklärt, dass dies ein Zeichen für Diebe und Ganoven ist: hier wird nicht lange gefackelt! La Paz ist in den letzten 10 Jahren bedeutend sicherer geworden. Dies liegt einerseits an der stärkeren Wirtschaft und andererseits an der Lynchjustiz. Wer raubt der hängt und zwar ohne Richterspruch! 

La Paz grenzt an El Alto – eine riesige Stadt auf der Hochebene über La Paz, welche so schnell gewachsen ist, dass die Behörden, allen voran die Polizei, keine Möglichkeit hatten dem Wachstum mitzuhalten. Hier nimmt die Bevölkerung das Gesetz noch in die eigene Hand und durchschnittlich 1 mal in der Woche kommt es zu einem Raubmord, oder es wird ein Räuber gelyncht. Wir beschließen einen Bogen um El Alto zu machen..

Wir werden noch durch ein paar beeindruckende Märkte geführt und zuletzt stehen wir vor dem örtlichen Gefängnis.

Wir fragen uns ob und weshalb wir davon beeindruckt sein sollen, als Pablo zu einer skurrilen Geschichte ansetzt:

Das Gefängnis ist voll mit Drogenbossen und es hat sich regelrecht eine Parallelgesellschaft darin entwickelt. Da drinnen verschafft einem Geld einfach alles und hat man keines, so bekommt man nicht einmal einen Schlafplatz in einer Zelle.

Mit dem nötigen Kleingeld kauft man sich nicht nur eine voll ausgestattete Wohnung, man erkauft sich sogar Freigang aus dem Knast. Die Frauen der Insassen gehen in dem Gefängnis aus und ein und arbeiten sogar darin. Es wurden (oder werden?) Drogen im Gefängnis produziert und als Pakete über die Gefängnismauern geworfen. Doch die schrägste Geschichte ist jene, dass es bis vor 10 Jahren als Tourist möglich war in dem Gefängnis eine geführte Tour zu machen. Ermöglicht wurde dies durch einen verurteilten Touristen, der sich einen Namen verschafft hat und die geniale Idee hatte damit ein Business aufzubauen. So ging dieses dubiose Geschäft jahrelang und nur durch Zufall wurde ein lokaler Fernsehsender auf das Vorgehen aufmerksam und die Korruption flog auf.

Nach der Freilassung des inhaftierten Entrepreneurs gründete dieser ein neues Business in La Paz: die berühmt berüchtigte Bar „Route 36“, die ihre Türen nur für Touristen öffnet und die alle paar Monate den Standort wechselt. Darin werden Touristen von einer älteren Dame bedient, welche bolivianisches Kokain auf einem Tablett serviert. Wo sich die Bar befindet ist jedoch ein Geheimnis und wer weiß, ob sie überhaupt noch existiert. Aber wenn wir uns das in einer Stadt vorstellen können, dann in La Paz!

Am Tag darauf entscheiden wir uns dazu auch noch die geführte Tour nach El Alto zu unternehmen und Pablo leitet uns abermals.

Wir steigen in die neuen, österreichischen Gondeln und bestaunen den atemberaubenden Ausblick über den Sprawl, der La Paz ist.

Wir werden mit geschichtlichen Informationen überschüttet während wir durch den Friedhof schlendern, der bereits aus allen Nähten platzt und deren Gräber in 3 stöckigen Gebäuden getürmt werden. Im Gedächtnis bleibt uns aber nicht zuletzt die künstlerische Gestaltung der Anlage, deren Wände von unzähligen professionellen Graffitis besprüht sind, welche die Verbundenheit der Ureinwohner mit dem Tod und der Pachamama thematisieren – grandios!

El Alto selbst ist eine Hochebene. Von der Gondel aus sieht man bis zum Horizont hunderttausende Häuser unterschiedlichster Größen und Stile – von der Hundehütte bis zum sechsstöckigen Clubhaus mit Ironman- bzw. Transformer-fassade bleibt dem Auge nichts erspart.

Unsere Tour führt uns über Umwege zu den berüchtigten Hexen der Stadt. Aneinandergereiht zu hunderten stehen ihre kleinen Häuschen, in denen sie nicht nur wohnen, sondern auch ihre Dienste den zahlungswilligen Gästen anbieten. Davor glühen die Altäre und Clemens lässt sich die Chance nicht entgehen, sich seine Zukunft aus Cocablättern lesen zu lassen. Ob Vicis Ohren wohl glücklich waren? Diese Info, liebe Leser, werdet ihr hier nicht finden 😉

Cholita Wrestling in El Alto

La Paz ist eine Reise wert – Unsere Erlebnisse in dieser Stadt sind für uns beispiellos und Vici träumt bereits davon in der Zukunft einen günstigen Flug zu ergattern um noch tiefer in Boliviens Herz einzutauchen. 

Die Stadt hat bei uns einfach einen Nerv getroffen.

Und jetzt? Wir meinen bereits ein gutes Gespür für Bolivien entwickelt zu haben, allerding fehlt noch ein sehr wichtiger Teil, unser nächster Stopp: 

Die Pampas des Amazonas!

Unsere Tipps für eure Reise:

  • Lasst auf keinen Fall das Restaurant-Kaufhaus im Stadtzentrum aus!
  • Die Walking Tour mit „walking camel“ versorgt euch mit unglaublich viel Information und spaziert sehr viele Sehenswürdigkeiten ab. Kostenpunkt: umgerechnet ca. 3,50€
  • Unternehmt eine Rundfahrt in den Gondeln, auch bei Nacht. Der Ausblick sucht seinesgleichen!
  • Traut euch nach El Alto, am besten geführt. Die Preise sind nochmals günstiger als in La Paz und wer weiß, wie lange hier noch dieses Chaos herrscht?
  • Bolivien ist günstiger als die umliegenden Länder. Wir empfehlen euch etwaige Einkäufe Südamerika hier zu tätigen: Kleidung aus Alpakawolle, oder Ausflüge in den Amazonas sind hier wahrscheinlich am günstigsten.